Vom richtigen Stehen auf der Rolltreppe und anderen wichtigen Erkenntnissen

Vom richtigen Stehen auf der Rolltreppe und anderen wichtigen Erkenntnissen

Es ist Ende Juni und sehr heiß in Berlin. Nach drei Monaten in London bei 14 Grad und grauer Wolkendecke bin ich darauf nicht vorbereitet und kaufe mir zwischen einem Friseurbesuch und Café-Verabredungen schnell noch ein Paar Sandalen. Auf meinem Weg kreuz und quer durch Berlin finde ich diese Stadt plötzlich erstaunlich langsam. Und wieso stehen die Leute auf den Rolltreppen ständig im Weg?

Gleichzeitig merke ich, dass ich mich immer noch ein bisschen zuhause fühle. Denn meine Reise im Creative Management Programm begann vor etwa acht Monaten genau hier – in Berlin, bei Udacity. Für fünf Monate habe ich dort das europäische Business Development & Enterprise Team unterstützt. Noch einmal drei Monate und eine Trainee-Station später kommt es mir fast so vor, als ob ich auf einen ganzen Abschnitt meiner Karriere zurück schaue.

Ende Oktober ging es nach einer Woche Bootcamp mit der ersten Station los und schnell war klar, dass mehr als die 400 Kilometer zwischen dem Corporate Center in Gütersloh und dem Startup in Berlin Mitte liegen. „Come as you are“ war die erste Info, die ich von meiner Managerin Tine am Telefon bekommen hatte. Und so war die Atmosphäre dann auch: Typisch Startup zwischen freundschaftlich & offen mit Hoodie und Sneakern und professionell & zielorientiert mit dem optionalen Blazer immer griffbereit.

Ebenfalls typisch Startup war, dass ich in kurzer Zeit viel Verantwortung übernahm.

Als Customer Success Managerin habe ich eigenständig mit Firmenkunden kommuniziert, zwischen externen und internen Stakeholdern vermittelt, Verhandlungen begleitet und das Onboarding für neue Kunden übernommen – inklusive eines Kick-off Workshops in Barcelona, meinem persönlichen Udacity-Highlight.

Gerade zu Beginn stand ich dabei vor vielen Herausforderungen. Aber diese sind ja bekannterweise dazu da, an ihnen zu wachsen. So war es auch bei mir: ich habe viel gelernt – über Verhandlungs-Skills, Ambiguitätstoleranz und Stakeholder-Management. Und darüber, wie ich später einmal arbeiten will. Flexible Arbeitszeiten, die ab und an Raum für Yoga am Morgen oder Wäschewaschen am Nachmittag ermöglichen, eine ausgeprägte Lunch-Kultur und den lockeren Umgang mit Kollegen möchte ich nicht mehr missen. Gleichzeitig weiß ich jetzt auch, dass ich mich langfristig nicht in einer Sales-Position sehe, obwohl ich für die Erfahrung sehr dankbar bin. Und das ist für mich mit der größte Wert des Creative Management Programs: Verschiedene Unternehmen, Funktionen und Management-Bereiche aber auch Kulturen kennen und verstehen zu lernen, indem man für eine bestimmte Zeit Teil von ihnen wird. Umso schwerer kann es allerdings sein, nach ein paar Monaten wieder weiterzuziehen…

Mitte März war es soweit: Koffer packen, Abschieds-Lunch, Abschieds-Essen, Abschieds-Party und Umzug nach London, eintauchen in eine neue Welt. In eine Welt, die noch größer, schneller und diverser ist als die deutsche Hauptstadt. Und in ein Unternehmen, das gleichzeitig weiter weg und näher dran ist am Corporate Center: Penguin Random House UK.

Für drei Monate durfte ich dort das Group Strategy Team begleiten und damit eines der Bertelsmann-Kerngeschäfte kennenlernen. Der Wechsel von einer operativen Rolle in einem jungen Tech-Unternehmen zu strategischem Arbeiten und Denken in einer traditionsreichen, globalen Verlagsgruppe hätte größer nicht sein können. Und doch haben mir die Erfahrungen aus der ersten Station geholfen, mich schnell auf die neue Umgebung, das neue Team und die neue Arbeitsweise einzustellen. Um die neue Industrie und das neue Unternehmen auch inhaltlich zu verstehen, traf ich zahlreiche Kollegen aus verschiedensten Bereichen des Unternehmens – von Communications über Data Analytics, International Sales und Rights Management bis hin zu HR, Marketing und Audio. Außerdem erlebte ich bei einem Acquisitions Meeting die Arbeit der Editoren hautnah mit und sah bei einem Besuch der Lagerhalle den Vertrieb in Aktion.
Auf diese Weise habe ich verstanden, wie die Wertschöpfungskette im traditionellen Buchgeschäft funktioniert und gleichzeitig gelernt, wie neue, digitale Geschäftsmodelle die Arbeit im Verlag verändern.

Nachdem ich mich auch noch an die englische Tastatur gewöhnt und mir das ein oder andere Excel-Tutorial angeschaut hatte, konnte ich das Team mit verschiedenen Recherchen, Markt- und Datenanalysen unterstützen. Der Schwerpunkt lag dabei – passend zu meiner Station bei Udacity – auf neuen Technologien und deren Anwendung im Publishing. Dafür habe ich externe und interne Informationen zusammengetragen, diese für verschiedene Zielgruppen aufbereitet und mit Key Stakeholdern besprochen – von Data Scientists bis zum CEO. Dabei hat mich besonders fasziniert, wie die Leidenschaft für das Verlagswesen in jeden Bereich des Unternehmens zu spüren ist. Selbst fernab der kreativen Funktionen stehen die Inhalte, Bücher und Leser immer im Mittelpunkt. So haben wir uns auch im Group Strategy Team leidenschaftlich über die interessantesten Neuerscheinungen, besten Hörbücher und aktuellen Genretrends ausgetauscht. Das hat nicht nur dazu geführt, dass ich in meiner kurzen Zeit bei Penguin Random House so viele Bücher gelesen habe, wie in Jahren nicht – ich habe auch gelernt, wie viel Freude mir die Arbeit in der Creative Industry bereitet.

Dass ich meine Liebe zum Lesen wiederentdeckt habe ist neben der Begeisterung meiner Kollegen auch der Londoner Underground zu verdanken. Waren die Wege in Berlin schon weit, so kam mir das „Commuten“ von East nach West London in der ersten Woche nahezu endlos vor. Doch mit der Zeit habe ich nicht nur gelernt, mich im schnellen Schritt der Londoner durch die Tunnel zu schlängeln, höflich einen Sitzplatz zu ergattern und Hitze und Lautstärke einfach auszublenden – ich habe die tägliche Zeit zum Lesen, Podcast- und Hörbuch-Hören sogar schätzen gelernt. Und auch sonst bin ich ein Bisschen zur Londonerin geworden – ich stehe auf der „richtigen“ Seite der Rolltreppe, bedanke mich mit „cheers“ und wenn mich jemand auf dem Gang fragt „How are you?“ starte ich keine Unterhaltung, sondern antworte im Vorbeigehen mit einer ähnlichen Floskel. Und ich verabschiede mich mit „see you later“, selbst wenn ich nicht weiß, ob und wann ich mein Gegenüber wiedersehe.

Gleich geht es zu Unter den Linden 1 in die Hauptstadtrepräsentanz zum Startschuss von Talent Meets Bertelsmann. Mit den Gedanken bin ich jedoch schon bei meinem Umzug in das hoffentlich etwas kühlere Hamburg. Dort starte ich Mitte Juli bei Gruner und Jahr in meine dritte Station. Ich bin schon gespannt, was ich lernen, wen ich treffen und wie ich mich weiterentwickeln werde. In diesem Sinne: „Ahoi“ und auf in eine weitere Welt des Bertelsmann-Kosmos.