„Talent gibt es überall, Bildungschancen nicht.“

„Talent gibt es überall, Bildungschancen nicht.“

Tine Schlaak ist Business Development & Partnerships Managerin Europe bei Udacity – meiner aktuellen Station im Creative Mangement Program. Im Interview erfahrt Ihr mehr über die die Arbeit bei Udacity und die Idee hinter der innovativen Lern- und Weiterbildungsplattform.

 

F1: Liebe Tine, worin besteht Deine Arbeit bei Udacity genau und was treibt Dich dabei an?

Als Berliner Büro wollen wir Udacitys Online-Kurse und den Gedanken des lebenslangen Lernens – also Udacitys Produkte und Kerngedanken – im europäischen Markt bekannter machen. Mein Business-Team vertritt dabei Udacity gegenüber anderen Unternehmen. Udacitys Erfolg fußt auf Partnerschaften mit Marktführern der Technologie-Branche. Ich betreue also Partner, die mit uns zusammenarbeiten, indem sie etwa Inhalte für Kurse mitentwickeln. Wir bieten unsere Kurse aber auch den Unternehmen zu Weiterbildungszwecken an, beraten sie also beim Kompetenzaufbau in zentralen technologischen Feldern. In der in Deutschland historisch starken Automobilindustrie haben wir uns dabei bereits einen Namen gemacht und dauerhafte Partnerschaften mit BMW, AUDI oder BOSCH aufgesetzt – jetzt wollen wir zunehmend auch auf andere Industrien schauen. Außerdem planen wir derzeit erste lokale, also auf die Gegebenheiten einzelner Märkte zugeschnittene Produkte und wollen uns in den Kooperationen breiter aufstellen. Wir beraten etwa die britische Regierung in ihrer Digital Skills Initiative.

An den Problemen, die ich damit habe, all die Meilensteine und kommenden Herausforderungen herunterzubrechen, kann man bereits erahnen wie vielseitig und spannend unsere Arbeit ist. Das treibt mich genauso an wie die Mission von Udacity: digitale Bildungschancen für alle.

 

F2: Die Idee hinter Udacity ist, dass wir alle aufgrund der technologischen Entwicklung künftig lebenslang lernen werden und ein Universitätsabschluss zu Beginn der Karriere nicht mehr genügt. Heißt das, dass fachliche Spezialisierung immer wichtiger wird oder umgekehrt, dass es auf grundlegende Skills ankommt, die man auf verschiedene Gebiete anwenden kann?

Zuerst mal braucht es kein „entweder oder”, sondern genau dieses „und” aus klassischer Bildung wie der Universität und alternativen Angeboten wie Udacity. Wer die Bildungsgelegenheiten flexibel kombinieren kann, wird seine Nischen finden, seine Neugier bewahren und bestehendes Wissen immer wieder in Frage stellen können. Das lässt sich an Deiner Frage verdeutlichen: In der Uni lernst Du das Lernen, also einen „grundlegenden Skill”. Bei Udacity erfährst Du dafür eine „fachliche Spezialisierung” auf der Höhe der Zeit, also die Fertigkeiten, die der Arbeitsmarkt morgen sucht. Dort wird es immer schwerer, den Überblick zu behalten. Die Zeit der Tech-Unternehmen ist abgelaufen, heute ist fast jedes Unternehmen ein Tech-Unternehmen. Der Bedarf an digitalen oder sogar technologischen Fähigkeiten wird also immer größer und diverser.

Vor dieser Bildungsdynamik beobachten wir, dass es vergleichsweise einfach ist, diese Kultur des lebenslangen Lernens zu predigen. Tatsächlich kann das stete Lernen neben Familie, Hobby und dem „normalen” Aufwand im Job sehr anstrengend sein. Hier versuchen Anbieter wie Udacity, das Lernen so zugänglich, flexibel und kurzweilig wie möglich zu gestalten. Wir sehen allerdings auch die Unternehmen in der Pflicht. Sie erkennen zunehmend, dass Weiterbildungen keine Mitarbeiter-Goodies und bloße Ausgaben, sondern Investitionen sind. Mittelfristig fließt die Weiterbildung ihrer Fachkräfte in die Unternehmensbilanzen und -erfolge zurück.

F3: Udacity ist ein amerikanisches Unternehmen, das 2011 als Start-up gestartet ist. Inwieweit beeinflusst das Eure Arbeitskultur im Berliner Büro?

Eine interessante Frage, weil wir als Berliner Büro wie ein Start-up im Start-up arbeiten. Wir sind ein kleines Team, da ist temporeiches, unbürokratisches, ergebnisorientiertes Arbeiten mit flachen Hierarchien gar keine Option, für die man sich bewusst entscheidet. Angesichts der Fülle und Komplexität der Aufgaben geht es schlichtweg nicht anders. Allerdings leben uns unser Headquarter in Mountain View und andere internationale Büros vor, wie man im kontrollierten Chaos arbeitet: Jeder versucht, früh zu scheitern, arbeitet iterativ und orientiert sich bei Entscheidungen zuallererst an den Bedürfnissen unserer Lernenden. Eventuell sollten deutsche oder europäische Start-ups einfach anders funktionieren, auch wir stellen kulturelle Differenzen fest. Aber diese Dream-Big-Haltung, in der Projekte von der Vision, nicht von Grenzen bestimmt werden, ist in jedem Fall inspirierend.

 

F4: Es heißt oft, dass in angelsächsischen Ländern das Studienfach weniger relevant ist für den Jobeinstieg als etwa in Deutschland. Gibt es auch bei Udacity diese Offenheit für verschiedene fachliche Hintergründe?

Wenn ich mich gerade so im Büro umschaue, sehe ich Kolleginnen und Kollegen mit Philosophie-Studium, mit Ausbildung in Design oder einem Ingenieursfach. Sie kommen aus den USA, aus Argentinien, Polen, Israel, Deutschland und Serbien. Damit sind wir in Berlin nicht allein, Udacitys Teams sind bunt gemischt. Das macht sie aus, verschiedene Blickwinkel helfen, neue Lösungen zu entwickeln. Das braucht die Aufgabe aber auch: Ich bin seit gut einem Jahr bei Udacity und würde sagen, dass ich derzeit meinen dritten Job hier mache. Die Aufgabenbereiche wachsen und verändern sich rasant.

 

F5: Welche fachlichen Fähigkeiten und persönliche Eigenschaften sind besonders wichtig, wenn man bei Udacity arbeitet?

Fachliche Eignung ist natürlich von Region zu Region, von Stelle zu Stelle komplett unterschiedlich, für die Frage aber auch weniger relevant: Das Wichtigste bei Udacity ist die individuelle Motivation für das Thema Bildung. Und damit zugleich die Bereitschaft, sich schnell in neue Themengebiete einzuarbeiten. Unser Credo lautet lebenslanges Lernen, es wäre unglaubwürdig, wenn das nicht auch auf die Mitarbeitenden zuträfe. Bei Udacity arbeiten Menschen, die etwas verändern wollen, die Risiken eingehen, die gern Neues ausprobieren. Oder gerade lernen, all das zu tun.

 

F6: Der Gründer von Udacity, Sebastian Thrun, hat einmal in einem Interview geschildert, seinem Ideal nach würden Studenten in Zukunft zu umfassend gebildeten Staatsmännern und -frauen erzogen. Zudem lautet das Motto von Udacity „Democratice Education”. Wie drücken sich diese Überzeugungen Deiner Meinung nach in der Arbeit von Udacity aus?

Talent gibt es überall, Bildungschancen nicht. Wir wollen deshalb Bildung anbieten, die ansprechend und hochaktuell, vor allem aber erschwinglich ist. Dazu gibt es ein paar kostenpflichtige Kurse, aber auch über 150 kostenlose. Derzeit lernen über acht Millionen Menschen weltweit kostenlos mit Udacity. Zudem vergeben wir Stipendien. In 2017 etwa haben wir 73.000 Lernenden die Möglichkeit gegeben, Android-Programmierung und allgemeines Web Development zu erlernen. Wir testen weitere Möglichkeiten, verschiedenen Gruppen durch spezifische Angebot den Zugang zu digitaler Bildung zu ermöglichen. Die Welt verändert sich heute schneller denn je. Wir glauben an das Gute, an die Chancen dieses Wandels. Aber nur, wenn ihn möglichst viele mitgestalten können.

 

F7: Hast Du zum Ende des Gesprächs eine Botschaft an die Interessenten des Bertelsmann Creative Management Program?

Wenn Ihr erlaubt, gern zwei Botschaften: Habt erstens den Mut und erwägt ein weniger „klassisches” Unternehmen wie Udacity bei der Karriereplanung. Die Möglichkeiten sind oft größer als man denkt. Nehmt Euch zweitens die Zeit, herauszufinden, was Ihr eigentlich machen wollt. Ihr verbringt täglich mindestens acht Stunden auf – oder zumindest mit – der Arbeit. Inhalte, Aufgaben und Kollegen sind wichtiger als der Name des Unternehmens. Wir haben die Hintergründe und Ausbildung genossen und die Flexibilität, um an Dingen zu arbeiten, die uns bewegen. Diese Privilegien sollten wir schätzen, statt unsere Zeit zu vertun.