Raus aus der Komfortzone

Raus aus der Komfortzone

Manche Menschen, wissen ganz genau, was sie werden wollen. Sie erträumen sich Ziele und laufen dann geradeaus drauf zu. Ich auch. Mit sieben beschloss ich, dass ich Opernsängerin werden wollte. Mit siebzehn stand ich in meiner ersten Opernproduktion auf der Bühne. Mit 18 beschloss ich, dass ich Journalistin werden wollte. Mit 25 war ich fertige Redakteurin, schrieb als freie Autorin für eine Reihe von Zeitschriften und stand bei einem ARD-Hörfunk-Sender vor dem Mikrofon.

Wenn du ein Ziel erreicht hast, gibt es drei Phasen. Erst kommt die Ekstase, dass du endlich angekommen bist. Dann die Erleichterung, gemischt mit einer gewissen Müdigkeit, dass der Weg geschafft ist. Und dann kommt irgendwann die Frage: Und jetzt?

Bei der Wahl eines neuen Ziels spielen viele Dinge eine Rolle – die eigenen Werte und Prioritäten, aber auch die Frage, ob das neue Ziel überhaupt erreichbar ist und mit welchen Kosten. Jeder ist gern gut in dem, was er macht – und gerade deshalb machen wir oft ähnliche Dinge. Ich schrieb also ein neues Ziel auf: Ich wollte die kaufmännische Seite der Medienentstehung verstehen. Das Creative Management Programm von Bertelsmann war für mich die optimale Mischung aus dem, wo ich herkam und wo ich hinwollte – der Produktion von Inhalten und dem journalistischen Handwerk und neuem Input, der kaufmännischen Seite. Und das bei einem Unternehmen, mit dem ich mich sowohl persönlich als auch inhaltlich identifizieren konnte.

Bewaffnet mit meinem Ziel und überzeugt, dass das alles gar nicht so anders werden würde, als in meinem flauschig-warm-gewohnten Journalisten-Leben, startete ich also in meine erste Station: BMG – die Bertelsmann Music Group. Als ich am ersten Tag erschien, wurde mir sofort bewusst: Falsch gelegen. Fast alles von dem, was ich all die Jahre perfektioniert hatte, war hier schlichtweg nicht gefragt. Professionelles Sprechen, politische Analysen, Interviewführung und die Kunst zu wissen, wann man Adverbien verwenden darf und wann auf keinen Fall, all das war weit weg. Kurz: Ich kam mir vor, wie das uncoole neue Mädchen der Schulklasse – Ballerinas statt Turnschuhe, keine Ahnung von den aktuellen Themen der Musikwelt und im allgemeinen Umgang ein bisschen „zu formell“, wie meine Kollegin scherzhaft sagte.

Nach dem ersten Schock erkannte ich schnell, dass genau in diesem anders-Sein meine Chance lag: Ich würde hier nicht nur die kaufmännische Seite der Medienentstehung kennenlernen, sondern gleich eine völlig neue Welt samt ihrer Bewohner. Viele Menschen, von denen ich lernen konnte. Viele Bereiche, die mir so unbekannt waren, dass jeder Schnipsel Wissen darüber einen Fortschritt bedeutete. Ich musste mich nicht verändern. Ich musste nur Augen und Ohren aufmachen. Und tatsächlich: In den fünf Monaten bei BMG lernte ich mehr über Musik als ich jemals geglaubt hätte zu wissen. Nicht nur welche Künstler warum und wo relevant waren. Ich verstand das Geschäftsmodell von BMG und entwickelte gemeinsam mit Kollegen neue Ideen. Ich verstand, warum welcher Künstler wann welche Abrechnung bekam und konnte ausrechnen, warum Verträge unter welchen Konditionen zustande kamen. All diese Dinge, von denen ich ein halbes Jahr vorher nicht mal die Ahnung hatte, dass sie existieren, waren plötzlich mein Alltag geworden. Kollegen, denen ich ein halbes Jahr vorher niemals begegnet wäre, wurden Freunde, mit denen ich gemeinsame Themen teilte.

„Warum bist du eigentlich hergekommen?“, fragte eine Kollegin zu Ende meiner Zeit bei BMG. Gerade als ich ansetzte, um ihr mein formuliertes Ziel zu erklären (Ich möchte die kaufmännische Seite der Medienentstehung verstehen!) sagte eine andere Kollegin: „Die wollte halt mal raus aus ihrer Comfort Zone da in ihrem Journalisten-Leben.“ Noch bevor ich sie korrigieren und ihr meine Geschichte von kaufmännischen Einblicken und dem Rundum-Verständnis aufzwingen konnte: nickte ich.

Ich habe mir und allen um mich im ersten Jahr des Creative Management Programms viele Fragen gestellt, keine davon war: „Und jetzt?“ Dabei habe ich mein eigentliches Ziel, die kaufmännische Seite dessen zu verstehen, was ich bisher mit Leidenschaft produziert hatte, erreicht. Und dabei entdeckt, wie bereichernd es sein kann, ab und zu mal die eigenen Landesgrenzen zu verlassen, im wörtlichen wie im übertragenen Bereich. Auf dem Weg habe ich viele Einblicke in Prozesse und ein breiteres Verständnis für Menschen und ihre Alltage bekommen. Ich habe verstanden, wie unterschiedlich Branchen sind, die auf den ersten Blick ähnlich erscheinen – und gleichzeitig absurde Gemeinsamkeiten zwischen scheinbar entgegengesetzten Geschäftsfeldern entdeckt. Und stelle ein Jahr nach dem Sprung aus der Comfort-Zone fest: Gar nicht so schlecht, hier draußen.